Anzeige
US Open
© Frank Franklin II/AP/dpa
Innig küsst Alexander Zverev die US-Open-Trophäe.
Teilen:

Genuss statt Stress: Zverevs neues Triumphgefühl

Für Alexander Zverev fühlt sich der zweite Grand-Slam-Titel ganz anders an als der erste. Nach dem Triumph bei den US Open rückt schon das nächste große Ziel in den Fokus.

Veröffentlicht:

Anzeige

US-Open-Sieger

Anzeige

New York (dpa) - Spät am Abend der ganz großen Emotionen genoss Alexander Zverev einen Moment der Ruhe. In der Kabine hatte der neue US-Open-Champion ausgelassen mit Champagner herumgespritzt, während der Siegerrede anrührend seiner Mutter gedankt. Nun saß er im fast menschenleeren Arthur Ashe Stadium mitten auf dem Platz neben seinem Bruder Mischa. Vor ihnen die silberne Trophäe. Erneut am Ziel der Träume.

«Ich kann das viel mehr genießen als in Paris», schwärmte Zverev. Bei den French Open hatte er die lange Jagd nach dem ersten Grand-Slam-Titel erfolgreich beendet - drei Monate später feierte er nun den Triumph als erst zweiter Deutscher nach Boris Becker im Männer-Einzel von New York. «In Paris war ich voller Stress, jetzt bin ich voller Freude. Ich bin einfach überglücklich.»

Bis zu diesem Gefühl dauerte es beim verwandelten Matchball jedoch einige Augenblicke in einer der skurrilsten Szenen der Tennisgeschichte. Als Zverev das 6:3, 7:6 (7:2), 5:7, 6:2 gegen den Amerikaner Ben Shelton perfekt gemacht hatte, wollte er zunächst weiterspielen, schaute verwundert auf die Anzeigetafel und riss erst dann jubelnd die Arme hoch. «Ich dachte, dass es 5:1 statt 6:2 steht», erklärte der 29-jährige Hamburger seine Verwirrung. «Ich denke, ich habe einfach das Ergebnis vergessen.»

Zverev spricht über die «wichtigste und stärkste Person»

Schnell fing sich der Olympiasieger von 2021 wieder, erinnerte in seiner Ansprache an die nagende Zeit des Wartens. «Wir haben 30 Jahre lang keinen Grand-Slam-Titel gewonnen und jetzt haben wir zwei in drei Monaten gewonnen», sagte er an sein Team gewandt. «Ich denke, Gott hat gesehen, wie viel wir arbeiten, wie viel wir gelitten haben, wie viel Schmerz hier reingeflossen ist.»

Eingebrannt hatte sich bei Zverev lange Zeit das Erlebnis vor sechs Jahren in New York, als er auch eine 2:0-Satzführung gegen den Österreicher Dominic Thiem nicht zum Titel nutzen konnte. Nun präsentierte sich Zverev auch in den entscheidenden Momenten gereift und nervenstark, trotzte der hitzigen Stimmung mit zahlreichen US-Fans im größten Tennisstadion der Welt.

Spätestens mit der Würdigung seiner Mutter Irina als «wichtigste und stärkste Person», die er kenne, erhielt Zverev auch den warmen Applaus aller Zuschauer, die US-Star Shelton zugejubelt hatten. Nach seiner Diabetes-Diagnose im Alter von vier Jahren, so erinnerte sich Zverev, «brauchte es eine sehr starke Mutter, um die Praxis zu verlassen und zu sagen: "Mein Sohn wird alles erreichen, was er will. Wenn er Tennisspieler werden will, wird er Tennisspieler werden"».

Nächstes Ziel: Nummer eins der Welt

Dieser Tennisspieler besitzt nun realistische Chancen, sich auch das zweite große Karriereziel zu erfüllen. Der Rückstand auf den Weltranglistenersten Jannik Sinner, der in New York verletzt fehlte, ist von mehr als 5.000 auf unter 2.000 Punkte geschmolzen. «Ich werde für den Rest des Jahres konzentriert bleiben und alles dafür tun, die Resultate so zu zeigen, dass ich die Chance habe, Nummer eins zu sein», betonte Zverev. 

Aus Sicht von Becker ist es nur «eine Frage der Zeit, bis er die Nummer eins wird», sagte die deutsche Tennis-Legende als TV-Experte bei sporteurope.tv. «Ich habe immer gesagt, er ist locker für fünf Grand Slams gut, wenn er seine Mentalität hinbekommt, wenn er seine Spielweise hinbekommt. Tennisspielen kann der Junge. Die Frage ist, wie geht er geistig mit Drucksituationen um, dieses Jahr hat er es gemeistert.»

Zverev sieht Sinner «immer noch vorne»

Seine herausragende Grand-Slam-Saison mit einem Halbfinale (Australian Open), einem gegen Sinner verlorenen Finale (Wimbledon) hat Zverev nun bereits mit Titel Nummer zwei gekrönt. Mehr Grand-Slam-Erfolge hat bei den deutschen Männern nur noch Becker mit sechs. «Starke Leistung!», gratulierte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) via X zum «verdienten Sieg» in New York. 

Mit Blick auf das restliche Tennisjahr ist die Frage, wie das Kräfteverhältnis sein wird, wenn Sinner zurückkommt und der Spanier Carlos Alcaraz nach langer Zwangspause wegen einer Handgelenksblessur wieder bei 100 Prozent ist. «Le Parisien» nannte den Titelgewinn von Zverev bei den US Open deshalb den «Sieg eines selbstbewussten Opportunisten».

Der Weltranglistenzweite beantwortete die Frage, wer derzeit aus seiner Sicht der beste Spieler der Welt sei, nach sekundenlanger Denkpause mit bemerkenswerter Selbstreflexion. Mit dem aktuellen Verletzungsstand sei er dies selbst wahrscheinlich, sagte Zverev, erinnerte aber daran, dass dies vor dem Ausfall seiner beiden Hauptkonkurrenten nicht der Fall gewesen sei und er Niederlage auf Niederlage gegen Sinner kassiert habe. «Wenn alle gesund sind, ist Jannik immer noch vorne. So einfach ist das.»

Anzeige
© dpa-infocom, dpa:260913-930-680271/4
Anzeige
US Open
© Andres Kudacki/AP/dpa
Gruppenbild mit der Ballcrew.
Anzeige
US Open
© Frank Franklin II/AP/dpa
Ben Shelton (l) verpasste den ersten amerikanischen Grand-Slam-Sieg eines männlichen Profis seit 2003.
Anzeige
Anzeige
Anzeige