
Fußball-Nationalmannschaft
Frankfurt/Main (dpa) - Das ist ein Neustart mit Knalleffekt! Noch vor der nächsten Klopp-Show auf dem Podium im DFB-Campus sorgen ganz viele News und Gerüchte um den ersten Nationalmannschaftskader des neuen Bundestrainers für großen Wirbel. Kein Ticket für Fan-Liebling und Spaß-Fußballer Deniz Undav, offenbar auch keine Berufung mehr für den ewigen Streitfall Leroy Sané. Und schlechte Karten auch für Nick Woltemade.
Dafür kursieren viele Namen, die selbst eingefleischten Fußball-Fans noch lange nicht geläufig sind. Felix Keidel von Bundesliga-Aufsteiger SV Elversberg und Younes Ebnoutalib von Eintracht Frankfurt haben offenbar den ersehnten Anruf von Jürgen Klopp erhalten.
Sie stehen demnach auf dem extralangen Kaderzettel, den der neue DFB-Chefcoach am Donnerstag (10.00 Uhr) in der Frankfurter Verbandszentrale für den Hammerstart in der Nations League mit vier Spielen innerhalb von zehn Tagen gegen die Niederlande (24. September), Serbien (1. Oktober) und zweimal Griechenland 27. September/4. Oktober) präsentiert.
Liverpool als Blaupause
«Es werden Spieler Möglichkeiten bekommen, die jetzt möglicherweise noch gar nicht damit rechnen», sagte Klopp bei seiner Vorstellung als Bundestrainer vor knapp acht Wochen. Jetzt macht er Ernst mit dem versprochenen Wandel nach dem WM-Debakel. Und er setzt dabei auf Spieler, die seinen Winner-Typen aus den erfolgreichen Liverpool-Zeiten möglichst ähnlich sind.
Mo Salah, Roberto Firminho und Sadio Mané kann er nicht klonen. Aber auf seiner jüngsten Non-Stop-Tour durch die Bundesliga-Stadien hat der 59-Jährige offenbar einige Charaktere gesehen, die seinem Fußball-Ideal von Power und Tempo entsprechen. Andere werden gestrichen.
Prominentes Kader-Opfer wäre Undav. Ausgerechnet. Der WM-Joker, der unter Ex-Bundestrainer Julian Nagelsmann zum öffentlichen Streitfall wurde, der von den Fans besungen wurde und den Klopp als TV-Experte noch in der Startelf sah, ist nun laut Sky gar nicht mehr dabei. Der Grund ist plausibel. Einen Wühler, der nicht über Geschwindigkeit ins Spiel kommt, braucht der neue Bundestrainer für seinen 4-3-3-Powerfußball nicht. Bitter für Undav, der mit neun Toren in 13 Länderspielen immer noch eine fantastische Quote hat.
Letzte Details in der DFB-Zentrale
Klopp wurde in den letzten Tagen ganz gegen sein Naturell zum Büroarbeiter, versammelte seinen Staff zu letzten Beratungen im DFB-Campus. Und natürlich wird er mit vermutlich geringem Amüsement verfolgt haben, dass manche seiner Entscheidungen schon über andere Kanäle publik wurden.
Vorsicht ist bei solchen News immer geboten. Said El Mala stand angeblich schon im WM-Kader und war dann doch nicht in Amerika dabei. Der Kölner Angreifer erhält jetzt wohl seine Chance. Frankfurts Ebnoutalib wurde von einem Fan beim Shopping gefilmt und mit der Nominierungsnachricht konfrontiert. Der Angreifer bedankte sich brav. Er freue sich «auf alles», was ihm bei der A-Elf erwarte, sagte er und zog mit seinen Einkaufstüten davon.
Die Liste der angeblichen Neu-Nationalspieler wurde in den vergangenen Tagen immer länger. Nicolo Tresoldi, Vitali Janelt, Finn Jeltsch, Dzenan Pejcinovic, Paris Brunner, Philipp Treu, Derry Scherhant. Die konkreten Antworten folgen, wenn Klopp 55 Tage nach seiner Präsentation wieder auf dem Podium in der DFB-Zentrale Platz nimmt.
Mehrere Gründe für XXL-Kader
Dem Vernehmen nach wird der Bundestrainer einen sehr großen Kader benennen, jedenfalls deutlich mehr Spieler als die 23, die laut UEFA-Regeln dem Spieltagskader angehören dürfen. So kann er viele Spieler testen und Fixgrößen wie Nico Schlotterbeck und Jamal Musiala nach Pausen behutsam aufbauen.
Klopp hat auch ein Gerüst, auf das er trotz aller Neuerungen aufbauen kann. Jonathan Tah, Schlotterbeck, Nathaniel Brown, natürlich Kapitän Joshua Kimmich, Alexander Pavlovic, Florian Wirtz, Musiala und Kai Havertz, das sind schonmal acht potenzielle Stammspieler, die auch bei Nagelsmann gesetzt waren. Drumherum wird aber viel Bewegung reinkommen. Von den 27 WM-Fahrern ist vielleicht nur noch gut die Hälfte dabei.
Die Hoffnungen auf eine schnelle Erfolgswelle hatte Klopp heruntergedreht, bevor er offiziell im Amt war. «Wir müssen Erwartungshaltungen kreieren, die man erfüllen kann, wo man auch tendenziell überperformen kann, damit geht es schon mal los», sagte er noch als Magenta-Experte. Man sei «nicht immer sofort erfolgreich, das wissen wir alle», fügte er - gerade erst im Amt - an.
Positive Grundstimmung als Ziel
Nach den vielen Misserfolgen will Klopp erstmal wieder eine positive Grundstimmung schaffen. «Zu dem Spiel gehört, dass man sich frei fühlt, dass man überperformen kann und nicht ständig das Gefühl hat: Wir sind nicht gut genug, wir machen es niemandem Recht.»
Dieses Gefühl kennt Kimmich aus den letzten zehn Länderspieljahren. Der Bayern-Star wird für Klopp zur Schlüsselpersonalie. Da der mit 114 Länderspielen mit Abstand erfahrenste Nationalspieler wieder ins Zentrum rücken soll, so die allgemeine Erwartung, sucht Klopp einen neuen rechten Außenverteidiger. Die Viererkette in der Abwehr ist für ihn ein taktisches Muss.
Den Namen Keidel, hatte dafür kaum jemand auf dem Zettel. Ob der 23 Jahre alte Elversberger, der bis vor kurzem noch in Ingolstadt Drittliga-Fußball spielte, gleich die 1-A-Lösung ist, bleibt abzuwarten. Josha Vagnoman spielte sich beim VfB Stuttgart zuletzt wieder in den Vordergrund.
Ter Stegens Rückkehr als Nummer eins
Zwingend ist die Neuordnung der Torwart-Hierarchie nach dem endgültigen DFB-Rücktritt von Jahrhundert-Keeper Manuel Neuer. Und sein Erbe ist wieder der zuletzt vom Verletzungspech verfolgte Marc-André ter Stegen. Mit dem 34-Jährigen, der bei Ajax Amsterdam wieder Stammplatz-Sicherheit bekommt, wählt Klopp die Safety-First-Variante. Für Bayern-Backup Jonas Urbig (22) ist die Zeit noch nicht gekommen. Weitere Ersatztorhüter sollen Alexander Nübel und Finn Dahmen sein. Für Oliver Baumann, der durch Neuers WM-Rückkehr seinen Status als Nummer eins verlor, ist jetzt gar kein Platz mehr.



