Nachgefragt: Wie funktionieren Covid 19-Antikörpertests?

Wenige Menschen im Kreis Wesel können von sich behaupten, dass sie bereits eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus hinter sich haben. Die Dunkelziffer könnte allerdings deutlich höher sein. Antikörpertests scheinen vielversprechend, um Infektionen auch im Nachhinein noch festzustellen - aber sind sie es auch?


 Ein Corona Test-Set liegt beim Gesundheitsamt auf einem Tisch.
© Reto Klar / Funke Foto Services

In der Heinsbergstudie ist von möglicherweise 1,8 Millionen Coronavirus-Infektionen in Deutschland die Rede. Tatsächlich nachgewiesen sind bisher etwa zehn mal weniger. Experten gehen bei der Coronapandemie also von einer hohen Dunkelziffer aus. Der Grund dafür ist offensichtlich: Das Coronavirus verläuft in vielen Fällen symptomfrei, einige Menschen merken also gar nicht, dass sie infiziert sind oder waren. Wie kann man also feststellen, ob jemand bereits eine Infektion hinter sich hat? Die Antwort lautet: mit Antikörpertests. Lassen sich Antikörper im Blut nachweisen, ist davon auszugehen, dass es bereits eine Infektion gab. Denn ein Impfstoff gegen Covid 19 lässt noch auf sich warten.

Unterschiedliche Antikörpertests auf dem Markt

Nahezu täglich gibt es neue Schlagzeilen zu Antikörpertests. Unter anderem befinden sich Schnelltests auf dem Markt. Sie versprechen ein Ergebnis innerhalb von 10 bis 15 Minuten. Eine andere Möglichkeit ist die Untersuchung einer Blutprobe im Labor. Dazu nimmt der Hausarzt Blut ab und schickt diese ein. Etwa zwei Tage später ist mit einem Ergebnis zu rechnen.

Radio K.W.-Reporterin Lena Semrok hat einen Antikörpertest machen lassen - das Ergebnis hört ihr unten.© Radio K.W.
Radio K.W.-Reporterin Lena Semrok hat einen Antikörpertest machen lassen - das Ergebnis hört ihr unten.
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Nicht alle Ärzte bieten Antikörpertests an

Für unsere Recherche haben wir zehn Ärzte und Ärztinnen im Kreis Wesel gefragt, ob sie bereits Antikörpertests anbieten. Das Ergebnis: Nur zwei von zehn Praxen bestätigten dies. Die Antikörpertests sind unter Medizinern noch umstritten. Das liegt unter anderem an ihrer Zuverlässigkeit. Und jetzt wird es wissenschaftlich: Es geht dabei um Spezifität und Sensitivität. Sensitivität beschreibt prozentual, in wie vielen Fällen ein Antikörpertest infizierte Menschen auch als solche erkennt. Ist dies bei 90 von 100 Patienten der Fall, liegt die Sensitivität bei 90. Klar: Je höher, umso besser. Spezifität wiederum meint, wie verlässlich ein Test gesunde Menschen, die das Virus nicht hatten, auch als gesund erkennt. Liegen diese Werte unter 100 Prozent, können falsch positive oder falsch negative Testergebnisse vorkommen. Das liegt unter anderem an sogenannten Kreuzreaktionen - etwa, wenn der Test auf andere Coronaviren reagiert (ja, die gibt es schon lange), die teils einfach eine harmlose Erkältung auslösen können. Dr. Bernhard Zöllner, medizinischer Leiter des Bioscientia-Labors in Moers, rechnet damit, dass sich dies erst ändert, wenn die Durchseuchung deutlich höher ist - etwa bei 10 Prozent der Bevölkerung liegt.

Experten warnen außerdem vor der Gefahr einer falschen Sicherheit: Wer positiv auf Covid 19-Antikörper getestet wird, könnte glaube, er brauche sich nicht mehr an Abstandsregeln und Hygienevorschriften halten. Dabei wäre das falsch.

Mögliche Immunität nicht geklärt

Tatsächlich steht nämlich gar nicht fest, ob eine Person, die eine Covid 19-Infektion überstanden hat, überhaupt immun ist. Auch zur Länge einer möglichen Immunität gibt es noch keine Studien. Das hängt vor allem damit zusammen, dass Covid 19 erst seit einigen Monaten erforscht wird. Angaben zu einer möglichen Langzeit-Immunität sind daher noch gar nicht möglich. Laut Experten gibt es aus anderen Ländern jedoch Hinweise auf erneute Infektionen.

Und: Wie funktionieren Antikörpertest jetzt?

Ist die Blutprobe erst einmal abgegeben, wird sie in ein Labor geschickt und dort untersucht. Solche Untersuchungen führt etwa Bioscientia in Moers durch. Hier arbeiten 240 Mitarbeiter, täglich werden hier etwa 15.000 Aufträge aus vielen Teilen Deutschlands bearbeitet - darunter auch Blutproben für Antikörpertests und Corona-Abstriche.

Die Untersuchung läuft zunächst automatisch. In einer Maschine können 90 Proben gleichzeitig ausgelesen werden. Dazu wird der flüssige Teil des Bluts - das Serum - benutzt. Zu diesem wird mit einer Pipette eine Reagenz, eine bestimmte Flüssigkeit, hinzugefügt. Damit können unterschiedliche Antikörper nachgewiesen werden. Diese zeigen, ob eine Infektion noch frisch (IgA, IgM) oder schon länger her (IgG) ist. Verfärbt sich das Serum gelb, bedeutet das: Hier sind Antikörper vorhanden. Bleibt das Serum klar, sind keine Antikörper in der Probe vorhanden. Die unterschiedlichen Farbschattierungen sind für das bloße Auge kaum erkennbar und werden von der Maschine gescannt, die die Daten an einen Computer weiterleitet.

Hier werden Antikörpertests ausgewertet. Rechts befinden sich die unterschiedlichen Seren, links werden Pipetten und damit entsprechende Reagenzien aufgenommen.

Für wen eignen sich Antikörpertests?

Dr. Bernhard Zöllner, der medizinischer Leiter bei Bioscientia in Moers, hat dazu eine klare Meinung. Er sagt: Antikörpertests machen Sinn, falls eine Diagnose bei einem Corona-Abstrich nicht eindeutig war. Oder für Menschen, die dabei positiv getestet wurden und jetzt mit einer Blut- oder Plasmaspende Erkrankten helfen möchten. Nicht zu empfehlen seien die Tests aktuell noch für Patienten, die aus reiner Neugierde wissen möchten, ob sie schon eine Covid 19-Infektionen hatten.

Das Bioscientia-Labor in Moers. Täglich kommen hier rund 15.000 Aufträge aus vielen Teilen Deutschlands an.©
Das Bioscientia-Labor in Moers. Täglich kommen hier rund 15.000 Aufträge aus vielen Teilen Deutschlands an.
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Antikörpertests in der Regel keine Kassenleistung

Wer eine Blutprobe beim Arzt abgibt und diese im Labor auf Antikörper testen lässt, der muss etwa 50 Euro zahlen. Kassenleistung sind Antikörpertests nur in Ausnahmefällen - zum Beispiel bei Patienten, die schon über einen langen Zeitraum leichte Coronavirus-Symptome spüren. Dann funktioniert ein Corona-Abstrich (PCR) oft nicht mehr. Auch unklare Diagnosen können mithilfe der Antikörpertests genauer untersucht werden. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung empfiehlt dabei zwei Blutproben im Abstand von sieben bis vierzehn Tagen.

Zum Nachhören - der Weg eines Antikörpertests

© Radio K.W.

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